Neophyten in Frankfurt: Die Kanadische Goldrute – wertvolle Nahrungsquelle und trotzdem problematisch?
Serie: Neophyten in Frankfurt
Wer im Spätsommer durch Frankfurt läuft oder mit dem Fahrrad an Bahndämmen, Brachen und Wegrändern entlangfährt, kann sie kaum übersehen: hohe Pflanzen mit großen gelben Blütenrispen, häufig nicht einzeln, sondern gleich in dichten Beständen. Auf den Blüten sitzen Honigbienen, Wildbienen, Schwebfliegen, Käfer und andere Insekten. Auf den ersten Blick sieht das nach einem kleinen Paradies für Bestäuber aus. Tatsächlich handelt es sich häufig um die Kanadische Goldrute, Solidago canadensis. Und gerade an ihr lässt sich gut zeigen, warum ökologische Zusammenhänge komplizierter sind als die einfache Gleichung „viele Blüten = gut für die Natur“.
Die Kanadische Goldrute stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde als Zierpflanze nach Europa gebracht. Heute ist sie in Deutschland fest etabliert. Damit gehört sie zu den sogenannten Neophyten: Pflanzenarten, die durch menschlichen Einfluss in Gebiete gelangt sind, in denen sie ursprünglich nicht vorkamen. Der Begriff sagt zunächst noch nichts darüber aus, ob eine Art ökologisch problematisch ist. Viele Neophyten leben relativ unauffällig neben einheimischen Arten. Einige wenige können sich jedoch so stark ausbreiten, dass sie Vegetation und Lebensräume deutlich verändern. Die Kanadische Goldrute gehört zu den Arten, die unter geeigneten Bedingungen sehr dominante Bestände bilden können.
Warum sie gerade in Städten wie Frankfurt so erfolgreich ist, lässt sich leicht nachvollziehen. Die Pflanze kann weit über einen Meter hoch werden, breitet sich unterirdisch über Rhizome aus und produziert zugleich sehr viele flugfähige Samen. Besonders wohl fühlt sie sich auf offenen, gestörten Flächen: Brachen, Böschungen, Bahnanlagen, Straßenrändern, Schuttflächen oder lichten Säumen. Genau solche Standorte gibt es in einer Großstadt reichlich. Hinzu kommt, dass die Kanadische Goldrute mit Wärme und zeitweiser Trockenheit gut zurechtkommt. Gerade in ohnehin wärmebegünstigten Städten können ihr solche Bedingungen zusätzlich helfen.
Für Imker und Naturbeobachter ist jedoch zunächst etwas anderes auffällig: Goldruten blühen spät und werden intensiv besucht. Das ist keine optische Täuschung. Kanadische Goldrute stellt im Spätsommer große Mengen an Blüten zur Verfügung und wird von zahlreichen Insektengruppen genutzt. Dazu gehören Honigbienen, Wildbienen und Hummeln ebenso wie Schweb- und andere Fliegen, Schmetterlinge, Käfer und Wespen. Untersuchungen zeigen teilweise sehr hohe Besuchszahlen. In einigen Studien gehörten Honigbienen zu den mit Abstand häufigsten Besuchern, in anderen machten Fliegen und Schwebfliegen einen erheblichen Anteil aus.
Wer vor einem blühenden Goldrutenbestand steht und dort viele Insekten beobachtet, sieht also zunächst etwas Reales: Diese Pflanze ist eine Nahrungsquelle.
Genau hier wird es ökologisch interessant.
Aus der Tatsache, dass eine Pflanze intensiv besucht wird, folgt nicht automatisch, dass ein von ihr dominierter Lebensraum besonders wertvoll für Bestäuber ist. Eine große Goldrutenfläche kann Tausende Blüten bereitstellen und gleichzeitig andere Pflanzen verdrängen. Damit verändert sich nicht nur die Vegetation, sondern auch das zeitliche und räumliche Angebot an Nahrung und Strukturen.
Mehrere Untersuchungen zeigen deshalb ein scheinbares Paradox. Die Blüten der Goldrute selbst können sehr stark von Insekten besucht werden, während mit zunehmender Dominanz der Pflanze die Vielfalt der umgebenden Vegetation und teilweise auch die Vielfalt der Bestäubergemeinschaft abnimmt. In einer Studie sank mit zunehmender Goldrutendeckung die Zahl der Bienen, während bestimmte Fliegengruppen weniger stark reagierten oder sogar profitierten. In einer anderen Untersuchung waren Artenzahl, Diversität und Häufigkeit von Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlingen auf stark von invasiven Goldruten geprägten Flächen insgesamt geringer als auf vergleichbaren nicht besiedelten Wiesen.
Das ist kein Widerspruch. Eine Pflanze kann für einzelne Insektenarten sehr attraktiv sein und gleichzeitig die Vielfalt eines Lebensraums verringern.
Gerade Honigbienen sind dafür ein gutes Beispiel. Wenn eine große Goldrutenfläche blüht, können Honigbienen diese Ressource sehr effizient nutzen. Für ein Honigbienenvolk kann ein solcher Bestand durchaus attraktiv sein. Daraus lässt sich aber noch keine Aussage über die ökologische Qualität der Fläche insgesamt ableiten. Honigbienen sind generalistische Blütenbesucher und können große Nahrungsquellen flexibel erschließen. Viele Wildbienen und andere Insekten sind dagegen stärker auf bestimmte Pflanzen, Strukturen oder zeitlich unterschiedliche Blühangebote angewiesen.
Viele Bienen auf einer Pflanze sind deshalb noch kein Maß für Biodiversität.
Hinzu kommt, dass nicht alle Auswirkungen der Goldrute auf Bestäuber automatisch negativ sein müssen. Neuere Untersuchungen zeigen ein differenziertes Bild. Manche einheimischen Pflanzen können von zusätzlichen Bestäubern profitieren, die durch die Goldrute in eine Fläche gelockt werden. Andere verlieren möglicherweise Bestäuber, weil die große und auffällige Goldrute mit ihnen um Blütenbesucher konkurriert. Welche Wirkung überwiegt, hängt unter anderem davon ab, wie dicht der Bestand ist, welche anderen Pflanzen vorhanden sind und welche Insektenarten in einem Gebiet vorkommen.
Das eigentliche Problem ist deshalb weniger die einzelne Goldrute als die Dominanz.
Wenn aus einigen Pflanzen ein nahezu geschlossener Bestand wird, verändert sich der Lebensraum. Pflanzen, die weniger konkurrenzstark sind, können verschwinden. Mit ihnen verschwinden möglicherweise auch spezialisierte Beziehungen zu bestimmten Insekten. Eine Fläche kann dann während der Goldrutenblüte spektakulär gelb und voller Insekten wirken und trotzdem über das gesamte Jahr betrachtet weniger vielfältig sein.
Genau das macht die Kanadische Goldrute zu einem guten Beispiel dafür, wie vorsichtig man mit einfachen ökologischen Urteilen sein sollte.
Sie ist weder einfach eine „schlechte invasive Pflanze“ noch einfach eine „wertvolle Bienenpflanze“.
Beides kann gleichzeitig stimmen.
Für eine Honigbiene im September kann die Goldrute eine attraktive Nektar- und Pollenquelle sein. Für einen artenreichen Magerrasen, eine Feuchtwiese oder einen anderen empfindlichen Lebensraum kann ein dichter Goldrutenbestand gleichzeitig problematisch werden.
Auch der Standort ist deshalb entscheidend. Eine Goldrute auf einer stark gestörten Ruderalfläche zwischen Straße und Bahngleis hat eine andere ökologische Bedeutung als ein großer Bestand in einem artenreichen Offenlandbiotop. In Städten gehören solche Verschiebungen ohnehin zur Dynamik der Vegetation. Frankfurt bietet mit seinen Verkehrsachsen, Brachen, Böschungen und wärmebegünstigten Standorten ideale Bedingungen für viele Neophyten.
Wer Goldruten bestimmen möchte, sollte außerdem genauer hinschauen. Neben der Kanadischen Goldrute gibt es bei uns die ebenfalls aus Nordamerika stammende Riesen-Goldrute, Solidago gigantea, und die einheimische Gewöhnliche Goldrute, Solidago virgaurea. Die Kanadische Goldrute besitzt vor allem im oberen Bereich einen deutlich behaarten Stängel. Bei der Riesen-Goldrute ist der Stängel weitgehend kahl und häufig etwas bereift. Die einheimische Gewöhnliche Goldrute bleibt meist kleiner und unterscheidet sich auch im Aufbau des Blütenstands deutlich von den großen neophytischen Goldrutenbeständen.
Gerade diese Differenzierung ist wichtig. Nicht jede Goldrute am Wegesrand ist automatisch ein invasiver Neophyt, und nicht jede einzelne Pflanze stellt ein Naturschutzproblem dar.
Für mich ist die Kanadische Goldrute deshalb vor allem ein schönes Beispiel dafür, wie schnell wir Natur nach einfachen Bildern beurteilen. Eine gelbe Fläche voller Bienen wirkt automatisch „gut“. Eine fremde Pflanze bekommt schnell das Etikett „schlecht“.
Die Wirklichkeit ist interessanter.
Die Kanadische Goldrute bietet Nahrung. Sie kann für Honigbienen im Spätsommer eine relevante Ressource sein. Sie wird von zahlreichen Wildinsekten besucht. Gleichzeitig kann sie dichte Bestände bilden, andere Pflanzen zurückdrängen und dadurch die Zusammensetzung von Pflanzen- und Insektengemeinschaften verändern.
Beim nächsten Spaziergang durch Frankfurt lohnt sich deshalb ein zweiter Blick auf die großen gelben Bestände. Nicht, um jeden Neophyten zum Feind zu erklären, sondern um eine interessantere Frage zu stellen:
Nicht: Ist diese Pflanze gut oder schlecht? Sondern: Was verändert sich, wenn sie einen Lebensraum zunehmend dominiert?


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