Immer wieder begegnet mir in Diskussionen über Bienen eine scheinbar beruhigende Zahl: In Deutschland gebe es „immer mehr Bienenvölker“. Manchmal wird daraus sogar das Argument abgeleitet, die Sorge um Bienen oder Bestäuber sei übertrieben. Tatsächlich ist die Zahl der gehaltenen Honigbienenvölker seit einem Tiefpunkt in den 2000er-Jahren wieder gestiegen. Die Behauptung, es gebe in Deutschland immer mehr Bienenvölker, ist trotzdem falsch. Sie entsteht dadurch, dass man die Statistik genau dort beginnen lässt, wo die Kurve ihren Tiefpunkt erreicht hat.
Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft nennt für 2007 rund 670.000 Bienenvölker und für 2024 etwa 964.000. Wer nur diese beiden Zahlen betrachtet, sieht einen Anstieg um rund 44 Prozent. Das ist korrekt. Es ist aber nur ein Ausschnitt aus einer wesentlich längeren Entwicklung. Bereits historische Quellen zeigen, dass Deutschland früher erheblich mehr Bienenvölker hatte. In einem Antrag im Deutschen Bundestag aus dem Jahr 2008 wird ausdrücklich festgehalten, dass 1960 noch rund 1,4 Millionen Bienenvölker gezählt wurden. Bis 2008 hatte sich diese Zahl auf ungefähr 700.000 halbiert. Die damalige Formulierung im Bundestag war bemerkenswert eindeutig: Die Zahl der Bienenvölker und der Imker habe „kontinuierlich“ abgenommen.
Und selbst 1960 war keineswegs der Beginn dieses Rückgangs. Schon Bundestagsunterlagen aus den 1950er-Jahren dokumentieren sinkende Bestände. Eine Unterrichtung des Bundestages berichtete beispielsweise, dass die Zahl der Bienenvölker allein von 1953 bis 1955 um etwa 300.000 beziehungsweise 18,5 Prozent zurückgegangen war. Der Rückgang der Bienenhaltung ist also keine Entwicklung, die erst mit Varroa, moderner Landwirtschaft oder dem viel diskutierten „Bienensterben“ der vergangenen zwanzig Jahre begonnen hätte. Er reicht weit in die Nachkriegszeit zurück.
Auch ein Blick in die 1970er-Jahre widerspricht der Erzählung von einer ständig wachsenden Zahl von Bienenvölkern. Für 1976 wurden in der damaligen Bundesrepublik rund 1,2 Millionen Bienenvölker angegeben. Damit gab es schon damals deutlich mehr als heute. Verglichen mit den heutigen rund 964.000 Völkern liegt der Bestand selbst gegenüber diesem Wert noch ungefähr 20 Prozent niedriger. Die historischen Größenordnungen passen auch zu der späteren Zusammenfassung des Deutschen Bundestages: 1,4 Millionen Völker 1960, danach ein langfristiger Rückgang bis auf rund die Hälfte.
Die Entwicklung lässt sich deshalb wesentlich treffender so beschreiben: Deutschland verlor über Jahrzehnte einen großen Teil seiner Honigbienenvölker. Seit dem Tiefpunkt in den 2000er-Jahren hat sich der Bestand teilweise erholt.
Das ist eine ganz andere Aussage als „Wir haben immer mehr Bienenvölker“.
Der Unterschied entsteht durch die Wahl der sogenannten Baseline. Beginne ich die Kurve 2007 bei 670.000 Völkern, zeigt sie deutlich nach oben. Beginne ich 1960 bei etwa 1,4 Millionen, liegt Deutschland heute trotz der Erholung noch rund 31 Prozent darunter. Beginne ich in der frühen Nachkriegszeit, wird der langfristige Rückgang noch deutlicher.
Man kann Statistiken auf diese Weise nicht fälschen und trotzdem eine irreführende Geschichte damit erzählen. Die einzelnen Zahlen können vollkommen korrekt sein. Entscheidend ist, welchen Ausschnitt man zeigt.
Interessanterweise funktioniert die Behauptung „immer mehr“ inzwischen nicht einmal mehr für die jüngste Entwicklung besonders gut. Für 2022 schätzte der Deutsche Imkerbund die Zahl der Bienenvölker in Deutschland auf 989.891. Für 2024 nennt das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft auf Basis von D.I.B.-Daten rund 964.000. Das sind etwa 26.000 Völker weniger. Von einer kontinuierlich steigenden Zahl kann also auch innerhalb der jüngsten Jahre keine Rede sein.
Was tatsächlich stark gestiegen ist, ist die Zahl der Menschen, die imkern. Nach Angaben des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft gab es 2007 ungefähr 87.000 Imkerinnen und Imker, 2024 waren es rund 143.000. Die Zahl der Imker ist damit wesentlich stärker gewachsen als die Zahl der Bienenvölker. Heute betreiben sehr viele Menschen die Imkerei als Hobby und halten nur einige wenige Völker. 96 Prozent der deutschen Imker halten höchstens 25 Völker; weniger als ein Prozent betreibt die Imkerei im Erwerb.
Auch das verändert die Wahrnehmung. Es gibt mehr Imkervereine, mehr Imkerkurse, Bienenstände auf Dächern und in Kleingärten und deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit für die Honigbiene. Daraus kann leicht der Eindruck entstehen, es habe noch nie so viele Bienenvölker gegeben. Die Statistik zeigt etwas anderes.
Hinzu kommt eine weitere Schwierigkeit: Die heutigen bundesweiten Zahlen sind keine exakte Volkszählung sämtlicher Bienenvölker. Der D.I.B. kennt die bei seinen Mitgliedsverbänden gemeldeten Völker relativ gut. Für Deutschland insgesamt werden die Zahlen jedoch ergänzt und geschätzt. Für 2024 weist der D.I.B. beispielsweise 929.065 Völker seiner Mitglieder aus und schätzt den Gesamtbestand Deutschlands auf rund 964.000 Völker. Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft kennzeichnet diese Werte deshalb ausdrücklich als „Erhebungen + Schätzung“. Historische und heutige Zahlen sind zudem wegen unterschiedlicher Erhebungsmethoden und der deutschen Teilung nicht auf die letzte Stelle miteinander vergleichbar. Die Größenordnung des langfristigen Rückgangs wird dadurch jedoch nicht aufgehoben.
Und noch etwas geht in der Diskussion häufig durcheinander: Die Zahl der Bienenvölker beschreibt gehaltene Honigbienenvölker. Sie ist keine Bestandsaufnahme „der Bienen“ in Deutschland. Honigbienenvölker werden von Imkern vermehrt, geteilt, vereinigt, gekauft und nach Verlusten ersetzt. Selbst hohe Winterverluste können deshalb mit einer im folgenden Jahr wieder stabilen Völkerzahl einhergehen. Die Bestandszahl sagt also nicht unmittelbar, wie viele Völker während eines Jahres gestorben sind.
Noch weniger sagt sie über Wildbienen und andere Bestäuber aus. Steigende Zahlen gehaltener Honigbienenvölker können einen Rückgang von Wildbienen genauso wenig widerlegen wie eine wachsende Zahl von Haushunden etwas über die Entwicklung der Wolfspopulation aussagt. Es handelt sich um unterschiedliche Populationen mit unterschiedlichen ökologischen Bedingungen.
Deshalb sollte man verschiedene Fragen auseinanderhalten. Wie viele Honigbienenvölker werden gehalten? Wie hoch sind die jährlichen Völkerverluste? Wie entwickelt sich die Zahl der Imker? Und wie entwickeln sich wildlebende Bestäuber? Eine einzige Zahl beantwortet diese Fragen nicht.
Die Entwicklung der deutschen Imkerei seit den 2000er-Jahren ist durchaus erfreulich. Viele Menschen haben die Bienenhaltung neu entdeckt, und nach Jahrzehnten des Rückgangs wurde ein erheblicher Teil der verlorenen Völkerzahl wieder aufgebaut. Genau das kann man auch so sagen.
Aber aus einer Erholung nach einem historischen Tiefstand wird kein langfristiger Anstieg. Wer behauptet, in Deutschland gebe es „immer mehr Bienenvölker“, beginnt seine Statistik schlicht zu spät.
Heute gibt es ungefähr 964.000 Honigbienenvölker. 2007 waren es nur rund 670.000. 1960 waren es dagegen etwa 1,4 Millionen, und auch in den 1970er-Jahren lag die Zahl deutlich über dem heutigen Niveau. Die treffendere Aussage lautet daher:
Die Zahl der Honigbienenvölker in Deutschland ist über Jahrzehnte massiv gesunken. Seit dem Tiefpunkt der 2000er-Jahre hat sie sich teilweise erholt – das frühere Niveau ist jedoch bis heute nicht wieder erreicht.
Das ist weniger spektakulär als „immer mehr Bienen“.
Aber es ist das, was die Zahlen tatsächlich zeigen.


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