Gehört die Gottesanbeterin überhaupt nach Deutschland?
Die Antwort ist interessanter, als man zunächst denkt: Ja – aber die Geschichte ist komplizierter als „südliche Art wandert neu nach Deutschland ein“. Mantis religiosa ist kein eingeschlepptes Neozoon wie etwa manche invasive Arten. Sie gehört zur europäischen Fauna und kam auch in Deutschland schon sehr lange vor. Und ausgerechnet für Frankfurt gibt es erstaunlich alte Nachweise: Bereits 1756 wurden am Lerchesberg bei Frankfurt eine Oothek – also ein Eipaket – und mehrere Gottesanbeterinnen dokumentiert. Weitere historische Funde aus dem Frankfurter Raum folgten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Art hier über Jahrhunderte flächendeckend verbreitet gewesen wäre. Deutschland liegt am nördlichen Rand ihres europäischen Verbreitungsgebietes. Lange waren stabile Populationen im Wesentlichen auf besonders warme Regionen und lokale Wärmeinseln beschränkt. Im 20. Jahrhundert war die Art in Hessen offenbar über lange Zeiträume kaum oder gar nicht dauerhaft etabliert. Seit den 1990er- und 2000er-Jahren änderte sich das Bild deutlich. Für Südhessen sind seit 2004 etablierte Populationen beschrieben, und inzwischen werden Gottesanbeterinnen auch weiter nördlich gefunden.
Genau deshalb wäre die Aussage „Dieses Tier gehört hier nicht hin“ falsch. Treffender ist: Eine wärmeliebende Art, deren Vorkommen bei uns historisch an klimatische Grenzen gebunden war, kann heute deutlich größere Gebiete dauerhaft besiedeln.
Eine einzelne Gottesanbeterin beweist noch keinen Klimawandel
Auch hier lohnt wissenschaftliche Vorsicht. Ein einzelnes Tier an meinem Bienenstand ist selbstverständlich kein Beweis für den Klimawandel. Gottesanbeterinnen können fliegen, einzelne Tiere können größere Strecken zurücklegen und theoretisch sogar unbeabsichtigt mit Fahrzeugen verschleppt werden. Auch die zunehmende Aufmerksamkeit der Bevölkerung sorgt dafür, dass heute mehr Tiere gemeldet werden als früher. Genau darauf weist auch das HLNUG bei der Interpretation der Funddaten hin.
Entscheidend ist deshalb nicht der spektakuläre Einzelfund, sondern das Verbreitungsmuster über viele Jahre: wiederholte Funde, Eiablagen, reproduzierende Populationen und eine Verschiebung des Areals. Und hier ist das Bild deutlich. Das HLNUG schreibt ausdrücklich, dass sich die Europäische Gottesanbeterin aufgrund der Klimaerwärmung immer weiter nach Norden ausbreitet. Warme und trockene Sommer begünstigen die wärmeliebende Art, während kühle und feuchte Sommer ungünstiger sind.
Für Hessen ist dieser Zusammenhang sogar wissenschaftlich untersucht worden. Eine Studie von Steger und Kollegen modellierte die klimatische Eignung Hessens für Mantis religiosa. Das interessante Ergebnis: Das gegenwärtige Verbreitungsgebiet ist sogar noch kleiner als das Gebiet, das unter den heutigen klimatischen Bedingungen bereits geeignet wäre. Die Autoren erwarten deshalb grundsätzlich eine weitere Ausbreitung. Gleichzeitig zeigt ihre Modellierung etwas, das bei Diskussionen über den Klimawandel oft verloren geht: „wärmer“ bedeutet nicht automatisch „immer besser für wärmeliebende Arten“. Bei stärkerer Erwärmung könnten sich langfristig auch für die Gottesanbeterin geeignete Gebiete wieder verkleinern. Ökosysteme reagieren eben nicht nach der simplen Formel: mehr Wärme = mehr mediterrane Arten.
Die Gottesanbeterin als Klimazeiger
Gerade deshalb finde ich den Begriff Klimazeiger treffender als „Gewinner des Klimawandels“. Die Gottesanbeterin macht eine Veränderung sichtbar, die sich ansonsten vor allem in langen Temperaturreihen, Vegetationsperioden und statistischen Verbreitungskarten zeigt. In Hessen ist die mittlere Temperatur messbar gestiegen: Die 30-jährige Mitteltemperatur erhöhte sich nach Angaben des HLNUG vom Zeitraum 1881–1910 bis 1996–2025 um rund 1,7 °C. Solche Veränderungen beeinflussen die Bedingungen, unter denen Pflanzen und Tiere leben, sich fortpflanzen und neue Gebiete besiedeln können.
Dabei geht es nicht darum, die Gottesanbeterin selbst zum Problem zu erklären. Ihre Ausbreitung ist zunächst eine Reaktion auf veränderte Umweltbedingungen. Der Klimawandel sortiert Artengemeinschaften neu: Manche wärmeliebenden Arten können ihr Verbreitungsgebiet vergrößern, während Arten, die an kühlere Bedingungen gebunden sind, geeignete Lebensräume verlieren oder in höhere Lagen und weiter nach Norden ausweichen müssen. Welche Folgen daraus für einzelne Lebensgemeinschaften entstehen, lässt sich nicht pauschal aus einem einzelnen Fund ableiten. Gerade deshalb sollte man weder in die eine noch in die andere Richtung übertreiben: Die Gottesanbeterin ist weder eine ökologische Katastrophe noch einfach nur ein hübscher neuer Gast.
Und was macht sie ausgerechnet an meinen Bienen?
Der Ort ihres Auftauchens ist vermutlich weniger mysteriös. Gottesanbeterinnen sind Lauerjäger. Sie sitzen oft lange nahezu bewegungslos und packen vorbeikommende Insekten blitzschnell mit ihren zu Fangbeinen umgebildeten Vorderbeinen. Ein Bienenstand bietet dafür eine ziemlich attraktive Situation: Vor einer Beute herrscht reger Flugverkehr, und damit kommt potenzielle Beute praktisch von selbst vorbei.
Auch Honigbienen können von Gottesanbeterinnen erbeutet werden. Aus imkerlicher Sicht besteht deshalb aber kein Anlass zur Sorge. Ein einzelner solitärer Räuber ist etwas völlig anderes als ein Prädator, der systematisch und in größerer Zahl vor einem Bienenstand jagt. Für ein starkes Bienenvolk dürfte die gelegentliche Erbeutung einzelner Arbeiterinnen keine populationsrelevante Belastung darstellen. Die Gottesanbeterin sollte deshalb keinesfalls mit der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina) in einen Topf geworfen werden, deren Arbeiterinnen Bienenstände gemeinschaftlich aufsuchen und Honigbienen in erheblicher Zahl erbeuten können.
Und ohnehin gilt: Mantis religiosa ist in Deutschland nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Sie darf also nicht einfach gefangen, verletzt oder getötet werden.
Faszinieren lassen – und trotzdem genau hinschauen
Ich finde meine Besucherin am Bienenstand großartig. Ein Tier muss nicht weniger faszinierend werden, nur weil seine zunehmende Verbreitung etwas über einen sich verändernden Planeten erzählt. Im Gegenteil: Gerade solche Beobachtungen machen Ökologie unmittelbar erfahrbar.
Man sollte nur zwei Geschichten nicht miteinander verwechseln. Die erste lautet: Die Gottesanbeterin ist eine beeindruckende einheimische Fangschrecke, die schon vor Jahrhunderten im Frankfurter Raum nachgewiesen wurde. Die zweite lautet: Dass sie heute in Hessen wieder stabile Populationen bildet und ihr Verbreitungsgebiet erweitert, steht im Zusammenhang mit veränderten klimatischen Bedingungen. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Vielleicht ist das sogar die spannendste Botschaft meines heutigen Fundes. Klimawandel ist nicht nur eine abstrakte Kurve der globalen Mitteltemperatur. Er verändert Vegetationsperioden, Lebensräume und die Grenzen, innerhalb derer Arten existieren können. Manchmal lässt sich diese Veränderung besonders eindrucksvoll beobachten: mit zwei großen Augen, angewinkelten Fangbeinen – und direkt auf einer Bienenbeute.
Wer in Hessen eine Gottesanbeterin findet, kann die Beobachtung übrigens beim HLNUG melden. Gerade solche dokumentierten Sichtungen helfen dabei, Veränderungen der Verbreitung über die Jahre nachzuvollziehen.
Quellen und weiterführende Literatur
HLNUG: Ausbreitung der Gottesanbeterin – Klimafolgenmonitoring Hessen.
Steger, J., Schneider, A., Brandl, R. & Hotes, S. (2020): Effects of projected climate change on the distribution of Mantis religiosa suggest expansion followed by contraction. Web Ecology 20, 107–115.
Ehrmann, R. (2011): Übersicht zur Verbreitung von Mantis religiosa mit historischen Nachweisen aus Hessen.
Bundesartenschutzverordnung, Anlage 1: Schutzstatus von Mantis religiosa.
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