Ein Bienenschwarm Ende September? Eigentlich steht das so nicht im Lehrbuch. Und doch saßen diese Bienen plötzlich im Gebüsch. Ein guter Anlass, nicht nur über das Schwärmen zu sprechen, sondern auch über eine Frage, die erstaunlich oft für Verwirrung sorgt: Was genau ist eigentlich Apis mellifera – und welche Unterarten der Westlichen Honigbiene gibt es?
Vor wenigen Tagen bekam ich die Nachricht, dass sich ein Bienenschwarm in einem Gebüsch niedergelassen hatte. Ende September. Meine erste Reaktion war durchaus skeptisch. Die klassische Schwarmzeit liegt schließlich im Frühjahr und Frühsommer. Zu dieser Jahreszeit bereiten Imker ihre Völker längst auf den Winter vor. Ein Schwarm passt da eigentlich nicht mehr ins Bild. Ich bat deshalb zunächst um ein Foto. Doch tatsächlich: Dort saßen Honigbienen. Also Eimer eingepackt, hingefahren, Bienen eingesammelt und in eine Beute eingeschlagen. Das Foto zeigt einen Teil des Schwarms beim Einlaufen in sein neues Zuhause.
Apis mellifera – eine Art, viele Unterarten
Wenn wir von der „Honigbiene“ sprechen, meinen wir in Deutschland in aller Regel die Westliche Honigbiene, wissenschaftlich Apis mellifera. Dabei handelt es sich um eine Art. Innerhalb dieser Art gibt es jedoch verschiedene geografisch entstandene Unterarten, die sich im Verlauf ihrer Evolution an unterschiedliche Umweltbedingungen angepasst haben.
Zu ihnen gehören beispielsweise Apis mellifera mellifera, die Dunkle Europäische Biene, Apis mellifera carnica, die ursprünglich vor allem im südöstlichen Alpenraum und auf dem Balkan verbreitete Kärntner Biene, oder Apis mellifera ligustica, die Italienische Biene. Daneben existieren zahlreiche weitere Unterarten in Europa, Afrika und Teilen Asiens.
Diese Unterscheidung ist wichtig: Carnica, Mellifera oder Ligustica sind also nicht verschiedene Bienenarten. Sie gehören alle zur Art Apis mellifera.
Welche Unterart ist mein später Schwarm?
Und nun wird es interessant: Das lässt sich anhand des Aussehens einzelner Bienen auf einem Foto nicht seriös bestimmen.
Natürlich gibt es äußerliche Merkmale, die für bestimmte Populationen typisch sein können. Farbe, Behaarung, Größe oder Merkmale der Flügel wurden und werden zur morphologischen Charakterisierung herangezogen. Eine einzelne Biene mit bestimmten Farbringen ist aber noch lange kein zuverlässiger Beweis für eine bestimmte Unterart.
Hinzu kommt die heutige Realität der Imkerei. Honigbienen werden seit langer Zeit gezüchtet, Königinnen gehandelt und Völker über große Entfernungen transportiert. Paarungen finden zudem nicht kontrolliert im Bienenstock statt: Junge Königinnen fliegen zu Drohnensammelplätzen und paaren sich dort mit mehreren Drohnen. Wo verschiedene Zuchtlinien und Herkünfte zusammentreffen, entstehen entsprechend genetische Mischungen.
Das Etikett „Das ist eine Carnica“ oder „Das ist eine Dunkle Biene“ lässt sich deshalb nicht zuverlässig aus einem Handyfoto ableiten.
Und warum schwärmen Bienen überhaupt?
Das Schwärmen ist zunächst keine Fehlfunktion eines Bienenvolkes, sondern seine natürliche Form der Vermehrung auf Volksebene. Vereinfacht gesagt verlässt normalerweise die alte Königin mit einem Teil der Arbeiterinnen das bisherige Nest. Die zurückbleibenden Bienen ziehen eine neue Königin heran. Aus einem Bienenvolk können so zwei werden.
Dafür müssen allerdings die Bedingungen stimmen. Ein Schwarm benötigt eine geeignete Behausung und ausreichend Zeit und Ressourcen, um Waben zu bauen und Vorräte anzulegen. Deshalb liegt die typische Schwarmzeit in unseren Breiten deutlich früher im Jahr.
Ein Schwarm Ende September ist etwas anderes. Er ist ungewöhnlich und wirft Fragen auf. Handelt es sich tatsächlich um einen klassischen Vorschwarm? Ist eine Königin vorhanden und begattet? Hat das Volk seine bisherige Behausung aus einem anderen Grund verlassen? Wie groß ist der Schwarm und besitzt er überhaupt noch eine realistische Chance, sich für den Winter ausreichend zu entwickeln?
Aus der Beobachtung allein lässt sich die Ursache nicht sicher rekonstruieren.
Wenn die Bienen das Lehrbuch nicht gelesen haben
Genau das macht die Imkerei für mich so faszinierend. Wir können biologische Abläufe beschreiben, typische Zeiträume nennen und aus Erfahrung Wahrscheinlichkeiten ableiten. Die Natur ist deshalb aber kein Uhrwerk.
„Bienen schwärmen im Mai und Juni“ ist eine nützliche Vereinfachung. Daraus wird jedoch kein Naturgesetz, nach dem am 1. Juli der Schwarmtrieb abgeschaltet wird. Wenn Ende September jemand anruft und von einem Bienenschwarm berichtet, darf man deshalb skeptisch sein. Man sollte nur nicht den Fehler machen, eine Beobachtung für unmöglich zu erklären, weil sie nicht zu unserer Erwartung passt.
In diesem Fall genügte ein Foto, um die Hypothese „Das werden wohl keine Honigbienen sein“ ziemlich schnell zu verwerfen.
Und dann stand ich eben doch mit einem Eimer vor einem Gebüsch.
Wie geht es mit dem späten Schwarm weiter?
Mit dem Einzug in die Beute ist die Geschichte deshalb noch nicht beendet. Entscheidend ist zunächst, ob der Schwarm eine Königin besitzt und ob sie in Eilage geht. Dann stellt sich die wesentlich schwierigere Frage, ob ein so spät gebildetes kleines Volk noch sinnvoll als eigenständige Einheit überwintert werden kann.
Genau das werde ich beobachten.
Vielleicht ist dieser Schwarm deshalb auch ein schönes Beispiel dafür, wie ich sandig & summ verstehe: Bienen sind faszinierend – aber sie brauchen keine Mythen. Man kann genau hinschauen, Fragen stellen, beobachten und das, was man sieht, mit dem abgleichen, was wir über ihre Biologie wissen.
Und manchmal beginnt Wissenschaft im Kleinen mit einem Satz wie:
„Das kann Ende September eigentlich kein Bienenschwarm sein.“
Bis man nachschaut.

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