Eigentlich ist die Sache klar geregelt: Schwarmzeit ist im Mai und Juni, vielleicht noch mit ein paar Nachzüglern Anfang Juli. Danach kehrt am Bienenstand eine andere Phase ein. Ende September denkt man als Imker an ganz andere Dinge: Die Spätsommerpflege ist durch, das Winterfutter eingelagert, die Varroa-Behandlung läuft oder ist abgeschlossen und die Völker stellen sich auf die kalte Jahreszeit ein. Die imkerliche Welt folgt hier einer verlässlichen Ordnung. Zumindest in der Theorie.
Heute ist der 21. September. Als am Nachmittag das Telefon klingelte und eine aufgeregte Stimme am anderen Ende erklärte: „Bei uns im Garten hängt ein Bienenschwarm in der Hecke!“, war mein erster Gedanke entsprechend pragmatisch: Klar, und morgen schneit es. Um diese Jahreszeit haben Wespen ihre Völker auf dem Höhepunkt, Hornissen sind aktiv und der Laie verwechselt im Spätsommer so ziemlich alles, was summt und gelb-schwarz gestreift ist, mit Bienen. Höflich, aber innerlich vollkommen siegessicher bat ich die Anruferin: „Können Sie mir kurz ein Foto per WhatsApp schicken? Dann schaue ich mir das direkt an.“
Mit Kiste und Eimer in die Hecke
Wie kann das sein? Biologie jenseits des Kalenders
- Massiver Milbendruck: Wenn ein Ursprungsvolk im Spätsommer extrem unter der Varroamilbe und sekundären Viren leidet, kann es in seltenen Fällen zu einem regelrechten Absudern oder Ausziehen des Restvolkes kommen. Das Volk flieht quasi vor seinen eigenen Parasiten.
- Weisellosigkeit und stille Umweiselung: Misslingt im August eine späte Umweiselung oder geht die Königin verloren, gerät das Sozialgefüge aus den Fugen. Manchmal verlässt eine unbegattete Jungkönigin mit einer kleinen Schar Verzweifelter die Beute.
- Futter- oder Platzmangel: Auch wenn es unwahrscheinlich ist: Wurde ein Volk durch Räuberei komplett ausgehungert, bleibt als letzter evolutionärer Verzweiflungsakt nur der Auszug.
Was jetzt mit dem September-Schwarm passiert
- vorsichtig flüssig mit Zuckerteig bzw. Sirup anfüttern, damit sie Futterkränze anlegen können,
- kontrollieren, ob eine stiftende Königin vorhanden ist (denn ohne Brut gibt es keine langlebigen Winterbienen),
- und bei Brutfreiheit sofort eine gezielte Oxalsäure-Behandlung durchführen, um eventuell mitgebrachte Varroamilben unschädlich zu machen.



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