Honigbienen gegen Wildbienen? Warum die Debatte am eigentlichen Problem vorbeigeht
Wer sich mit Bienen beschäftigt, begegnet inzwischen immer häufiger einer erstaunlichen Behauptung: Ausgerechnet die Honigbiene soll eine Gefahr für Wildbienen sein. Sie nehme ihnen Nektar und Pollen weg, verdränge sie von Blüten und habe deshalb in Naturschutzgebieten oder sogar in Städten nichts verloren. Für Imker klingt das zunächst befremdlich. Schließlich galt die Honigbiene lange geradezu als Symbol für Arten- und Naturschutz. Inzwischen scheint das Pendel teilweise in die andere Richtung ausgeschlagen zu sein. Aus der vermeintlichen Retterin der Natur wird plötzlich eine ökologische Konkurrentin. Wie so oft liegt die wissenschaftlich interessante Antwort aber nicht an einem der beiden Extreme.
Zunächst einmal: Ja, Honigbienen und Wildbienen können miteinander um Nahrung konkurrieren. Das sollte man nicht bestreiten. Honigbienen sind ausgesprochen leistungsfähige Sammlerinnen. Ein Volk besteht im Sommer aus vielen Tausend Arbeiterinnen, und über den Schwänzeltanz können ergiebige Nahrungsquellen innerhalb kurzer Zeit von zahlreichen Sammlerinnen angeflogen werden. Wildbienen leben dagegen überwiegend solitär. Viele Arten haben zudem sehr spezielle Ansprüche und sammeln Pollen nur an bestimmten Pflanzenarten oder Pflanzengattungen. Wenn sehr viele Honigbienenvölker auf ein kleines Gebiet mit begrenztem Blütenangebot treffen, kann deshalb tatsächlich Konkurrenz entstehen.
Entscheidend ist allerdings das Wort „kann“. Dass Honigbienen und Wildbienen dieselben Blüten besuchen, beweist noch keine ökologische Schädigung. Konkurrenz wird erst dann relevant, wenn eine Ressource knapp ist und ihre Nutzung durch eine Art dazu führt, dass eine andere Art weniger Nahrung erhält, sich schlechter fortpflanzt oder ihre Population zurückgeht. Genau an dieser Stelle wird die öffentliche Diskussion häufig viel eindeutiger dargestellt, als es die Forschung erlaubt.
Ein häufig zitiertes systematisches Review von Mallinger und Kollegen aus dem Jahr 2017 zeigt beispielsweise ein sehr gemischtes Bild. Von den untersuchten Konkurrenzstudien berichteten 53 Prozent negative Auswirkungen auf Wildbienen, 28 Prozent keine Auswirkungen und 19 Prozent gemischte Ergebnisse. Das klingt zunächst nach einem deutlichen Problem. Schaut man genauer hin, wird es komplizierter. Viele Untersuchungen messen beispielsweise lediglich, wie viele Wildbienen bestimmte Blüten besuchen. Wenn sich bei Anwesenheit von Honigbienen weniger Wildbienen auf diesen Blüten befinden, bedeutet das zunächst nur, dass sich ihr Verhalten oder ihre räumliche Verteilung verändert hat. Daraus folgt noch nicht automatisch, dass ihre Population kleiner wird oder langfristig verschwindet.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der in Diskussionen erstaunlich häufig fehlt: Ein Teil der besonders deutlichen negativen Befunde stammt aus Regionen, in denen die Westliche Honigbiene ursprünglich nicht heimisch war. Das ist ökologisch etwas anderes als die Situation in Mitteleuropa, wo Honig- und Wildbienen seit sehr langer Zeit gemeinsam vorkommen. Ergebnisse von Inselökosystemen oder aus anderen eingeführten Verbreitungsgebieten lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen.
Trotzdem wäre es ebenso falsch, jede Konkurrenz kleinzureden. Besonders bei sehr hohen Bienendichten und gleichzeitig begrenztem Blütenangebot gibt es überzeugende Hinweise auf negative Effekte. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass Konkurrenz bei staatenbildenden Hummeln unter bestimmten Bedingungen das Koloniewachstum oder die Produktion von Jungköniginnen beeinflussen kann. Auch experimentelle Studien, bei denen Honigbienen von Flächen ausgeschlossen wurden, zeigen, dass andere Bienenarten anschließend bestimmte Blüten stärker nutzen. Konkurrenz existiert also. Die Frage lautet nicht, ob sie existiert, sondern unter welchen Bedingungen sie ökologisch bedeutsam wird.
Und genau hier liegt für mich der entscheidende Punkt dieser Debatte: Konkurrenz entsteht vor allem dann, wenn Nahrung knapp wird.
Wenn auf einer strukturreichen Fläche vom Frühjahr bis in den Herbst unterschiedliche Pflanzen blühen, Nistplätze vorhanden sind und Wildbienen zwischen ihren Nestern und Futterpflanzen kurze Wege zurücklegen können, stellt sich die Konkurrenzfrage sehr viel weniger dramatisch. Problematisch wird es dort, wo Lebensräume bereits stark verarmt sind. Dann treffen Honigbienen und Wildbienen auf ein ohnehin knappes Angebot. Der sichtbare Konflikt zwischen den Bienen ist in diesem Fall aber nicht unbedingt die Ursache des Problems, sondern ein Symptom.
Die wesentlichen Ursachen des Wildbienenrückgangs liegen an anderer Stelle: Lebensraumverlust, fehlende Nistmöglichkeiten, intensive Landnutzung, Flächenversiegelung, Pestizide, Nährstoffeinträge und die zunehmende Fragmentierung geeigneter Lebensräume. Besonders wichtig ist dabei etwas, das in der öffentlichen Diskussion häufig hinter den beliebten Blühwiesen zurücktritt: Wildbienen brauchen nicht nur Blüten, sondern auch geeignete Orte für ihre Nester. Viele Arten nisten im Boden, andere benötigen Totholz, markhaltige Pflanzenstängel, Trockenmauern oder offene Abbruchkanten. Eine Blumenmischung allein löst dieses Problem nicht.
Auch die Reichweite spielt eine Rolle. Honigbienen können mehrere Kilometer weit zu einer attraktiven Tracht fliegen. Viele kleine Wildbienenarten bewegen sich dagegen nur wenige hundert Meter um ihr Nest. Eine schöne Blühfläche nutzt einer Wildbiene deshalb wenig, wenn sie von ihrem Nistplatz durch Straßen, versiegelte Flächen oder große monotone Agrarflächen getrennt ist.
Damit verändert sich auch die praktische Frage. Statt allgemein darüber zu diskutieren, ob „zu viele Honigbienen“ existieren, sollte man genauer hinschauen: Wie groß ist das Blütenangebot? Welche Wildbienenarten kommen vor? Gibt es hochspezialisierte oder bedrohte Arten? Wie viele Bienenvölker stehen tatsächlich in unmittelbarer Umgebung? Und handelt es sich vielleicht um einen kleinen, besonders empfindlichen Lebensraum?
Gerade in solchen speziellen Schutzgebieten kann Zurückhaltung sinnvoll sein. Wenn auf einer kleinen Fläche seltene und hochspezialisierte Wildbienenarten leben und nur ein begrenztes Angebot ihrer Futterpflanzen vorhanden ist, muss man dort nicht zusätzlich zahlreiche Honigbienenvölker aufstellen. Das ist keine Ablehnung der Imkerei, sondern vernünftiges ökologisches Vorsorgeprinzip. Aus solchen Sonderfällen jedoch eine allgemeine Aussage gegen die Haltung von Honigbienen abzuleiten, wäre genauso falsch.
Umgekehrt sollten auch wir Imker vorsichtig mit einem anderen beliebten Narrativ sein: Ein Bienenstock ist nicht automatisch Artenschutz. Honigbienenhaltung ist Imkerei. Sie ist ein faszinierendes Handwerk, liefert Honig und andere Bienenprodukte und sichert Bestäubungsleistungen. Aber ein Bienenvolk auf einem Firmendach oder im Garten schafft noch keinen Lebensraum für Wildbienen. Dafür braucht es andere Maßnahmen.
Wenn wir wirklich etwas für die Vielfalt der Bestäuber tun wollen, sind deshalb strukturreiche Lebensräume wichtiger als symbolische Debatten. Heimische Wildpflanzen, blühende Hecken, offene Bodenstellen, Totholz, stehen gelassene Pflanzenstängel, weniger Versiegelung und der Verzicht auf unnötige Pflanzenschutzmittel helfen Wildbienen unmittelbar. Noch besser sind Flächen, auf denen nicht nur für drei Wochen eine Blühmischung bunt aussieht, sondern vom Frühjahr bis zum Herbst kontinuierlich unterschiedliche Pflanzen Nahrung anbieten.
Die Honigbiene ist deshalb weder die Retterin der Biodiversität noch ihr Totengräber. Sie ist ein ausgesprochen leistungsfähiger Bestäuber und kann bei hoher Dichte und knappen Ressourcen mit Wildbienen konkurrieren. Der großflächige Rückgang der Wildbienen lässt sich damit aber nicht erklären.
Vielleicht sollten wir die Diskussion deshalb umdrehen. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie bekommen wir weniger Honigbienen? Sondern: Wie schaffen wir wieder Landschaften, in denen genügend Nahrung und Lebensraum für Honigbienen, Hummeln, Mauerbienen, Sandbienen und all die anderen Bestäuber vorhanden sind?
Denn wenn Honig- und Wildbienen um die letzten verfügbaren Blüten konkurrieren müssen, dann liegt das eigentliche Problem wahrscheinlich nicht bei den Bienen.
Quellen und weiterführende Literatur
Mallinger, R. E., Gaines-Day, H. R. & Gratton, C. (2017): Do managed bees have negative effects on wild bees? A systematic review of the literature. PLoS ONE 12(12): e0189268.
Iwasaki, J. M. & Hogendoorn, K. (2022): Mounting evidence that managed and introduced bees have negative impacts on wild bees: an updated review. Current Research in Insect Science 2: 100043.
Balfour, N. J. et al. (2021): Exploitative competition and displacement mediated by eusocial bees. Behavioral Ecology and Sociobiology.
Ropars, L. et al. (2019): Wild pollinator activity negatively related to honey bee colony densities in urban context. PLoS ONE 14(9): e0222316.
Henry, M. & Rodet, G. (2018): Controlling the impact of the managed honeybee on wild bees in protected areas. Scientific Reports 8: 9308.
Tamburini, G. et al. (2025): Pesticides and habitat loss additively reduce wild bees in crop fields. Nature Ecology & Evolution.
IPBES (2016): Assessment Report on Pollinators, Pollination and Food Production.

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