Bienen halten war vermutlich noch nie ein ganz einfaches Hobby. Wer heute mit der Imkerei beginnt, merkt aber schnell, wie viel Wissen inzwischen notwendig ist, um Bienenvölker gesund durch das Jahr zu bringen. Varroamilben müssen kontrolliert und behandelt, Futtervorräte überwacht, Krankheiten erkannt und Wetter und Trachtentwicklung im Blick behalten werden. Dazu kommen steigende Kosten für Material und Betriebsmittel und nicht zuletzt die Frage, ob sich der eigene Honig zu einem Preis verkaufen lässt, der wenigstens einen Teil dieses Aufwandes abbildet.
Aktuelle Zahlen geben Anlass, genauer hinzusehen. Nach Jahren des Wachstums geht die Zahl der Bienenvölker zumindest regional wieder zurück. In Sachsen waren 2025 knapp 61.000 Völker bei der Tierseuchenkasse gemeldet. Zwei Jahre zuvor waren es noch 69.200. Gleichzeitig sank dort zuletzt auch die Zahl der Bienenhalter. Als einen Grund nennt der sächsische Imkerverband wirtschaftliche Probleme insbesondere größerer Imkereien: Heimischer Honig konkurriert mit deutlich günstigerem Importhonig, während die Direktvermarktung für viele Betriebe immer wichtiger wird.
Auch bundesweit sollte man die Entwicklung beobachten. Der Deutsche Imkerbund weist für 2024 noch 137.223 Mitglieder mit 929.065 Bienenvölkern aus. Auf seiner aktuellen Internetseite sind es 134.307 Mitglieder und 890.827 Völker. Solche Verbandszahlen bilden zwar nicht sämtliche Imker und Bienenvölker in Deutschland ab und aus wenigen Jahren lässt sich noch kein langfristiger Trend ableiten. Sie zeigen aber, dass die Entwicklung nicht einfach selbstverständlich weiter nach oben geht.
Deutschlands Bienen stehen überwiegend bei Freizeitimkern
Dabei wird manchmal übersehen, auf welcher Struktur die deutsche Imkerei eigentlich beruht. Es sind nicht in erster Linie große Berufsimkereien, die unsere Landschaft mit Bienenvölkern besetzen. Der Deutsche Imkerbund schätzt für Deutschland insgesamt etwa 143.000 Imker mit rund 964.000 Bienenvölkern. Weniger als ein Prozent seiner Mitglieder betreibt die Imkerei erwerbsmäßig, 96 Prozent halten höchstens 25 Völker. Man kann deshalb sogar noch deutlicher formulieren als mit der häufig genannten Zahl von rund 90 Prozent: Die deutsche Imkerei ist ganz überwiegend eine Freizeit- und Kleinstimkerei.
Das ist einerseits eine große Stärke. Tausende kleine Bienenstände verteilen sich über Städte, Dörfer und Landschaften. Menschen halten Bienen nicht ausschließlich deshalb, weil sie damit Geld verdienen müssen, sondern aus Interesse an den Tieren, an der Natur und an der Imkerei selbst. Genau darin könnte aber auch eine Verwundbarkeit liegen. Ein Erwerbsbetrieb muss wirtschaftlich arbeiten. Ein Freizeitimker kann dagegen irgendwann entscheiden: Der Aufwand wird mir zu groß.
Aus einem Problem sind viele geworden
Die Varroamilbe ist dafür das bekannteste Beispiel. Ohne ein funktionierendes Varroamanagement lassen sich Honigbienenvölker hierzulande kaum dauerhaft halten. Für Imker bedeutet das Diagnose, Behandlung und Kontrolle – jedes Jahr aufs Neue.
Gleichzeitig verändern sich die Umweltbedingungen. Das Jahr 2026 zeigt gut, dass eine hervorragende Honigernte und schwierige Bedingungen für die Bienenvölker kein Widerspruch sein müssen. Bundesweit wurden nach Angaben des Deutschen Imkerbundes durchschnittlich 39,5 Kilogramm Honig je Volk geerntet – ein Rekordwert. Gleichzeitig führten Hitze und Trockenheit regional dazu, dass Pflanzen vertrockneten, Pollen knapp wurde und Bienenvölker Brutpausen einlegten. Eine volle Honigzarge allein sagt eben wenig darüber aus, wie einfach ein Jahr für die Bienen war. Und möglicherweise steht die nächste Herausforderung bereits vor der Tür.
Nach Varroa kommt Tropilaelaps?
Der Name ist für viele Menschen außerhalb der Imkerei noch unbekannt: Tropilaelaps mercedesae. Die aus Asien stammende parasitische Milbe befällt wie Varroa die Brut der Honigbiene. Inzwischen hat sie ihr Verbreitungsgebiet deutlich nach Westen erweitert. Etablierte Populationen wurden unter anderem im Süden Russlands und in Georgien nachgewiesen. Aus weiteren Regionen liegen Verdachtsmeldungen vor.
Das Europäische Referenzlabor für Bienengesundheit bewertet diese Entwicklung inzwischen als ernstzunehmendes Risiko für die Europäische Union. Die Universität Hohenheim berichtete im August 2026 auf Grundlage einer aktuellen wissenschaftlichen Übersichtsarbeit, dass Experten ein Erreichen Deutschlands innerhalb der kommenden drei bis sieben Jahre für möglich halten.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Tropilaelaps in Deutschland bereits angekommen ist. Auch lässt sich nicht seriös vorhersagen, wann oder ob sich die Milbe hier tatsächlich etablieren wird. Aber die Entwicklung ist weit genug fortgeschritten, dass Vorbereitung und Überwachung notwendig sind.
Besonders unangenehm ist, dass wir es nicht einfach mit einer zweiten Varroamilbe zu tun hätten. Tropilaelaps vermehrt sich schneller und verbringt einen größeren Teil seines Lebenszyklus in der Bienenbrut. Die Biologie unterscheidet sich so weit von Varroa, dass vorhandene Kontroll- und Behandlungskonzepte nicht einfach übernommen werden können. Eine aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt deshalb erhebliche Lücken bei Monitoring und Bekämpfung.
Für die Imkerei könnte das bedeuten: noch einen Parasiten erkennen lernen, noch ein Monitoringverfahren etablieren und möglicherweise zusätzliche Bekämpfungsstrategien in die ohnehin schon volle Saison integrieren.
Wann wird aus Leidenschaft zu viel Aufwand?
Genau hier liegt für mich die eigentlich interessante Frage. Ein einzelnes zusätzliches Problem wird vermutlich nicht dazu führen, dass die Imkerei in Deutschland zusammenbricht. Aber Belastungen wirken nicht isoliert.
Varroa kostet Zeit und Geld. Futter kostet Geld. Beuten, Rähmchen, Mittelwände, Medikamente und Geräte kosten Geld. Völkerverluste kosten nicht nur Geld, sondern bedeuten auch verlorene Arbeit. Wetterextreme können Trachten innerhalb weniger Tage beenden. Gleichzeitig konkurriert regional erzeugter Honig im Handel mit Importware, die zu Preisen angeboten werden kann, mit denen eine deutsche Imkerei kaum konkurrieren kann. Und wenn mit Tropilaelaps tatsächlich ein weiterer gefährlicher Parasit hinzukommt, wird die Bienenhaltung nicht einfacher.
Für einen Berufsimker sind solche Entwicklungen eine wirtschaftliche Herausforderung. Für einen Freizeitimker stellt sich irgendwann eine andere Frage: Möchte ich diesen Aufwand überhaupt noch betreiben? Das ist wichtig, weil die vielen kleinen Imkereien zusammen einen großen Teil der deutschen Bienenhaltung ausmachen. Wenn jemand mit fünf Völkern aufhört, ist das statistisch zunächst kaum bemerkenswert. Wenn aber viele Tausend Menschen mit fünf, zehn oder zwanzig Völkern dieselbe Entscheidung treffen, sieht die Sache anders aus.
Weniger Imker wären mehr als weniger Honig
Dabei sollte man auch hier nicht übertreiben. Ein Rückgang der Honigbienenvölker bedeutet nicht automatisch eine ökologische Katastrophe, und Honigbienen dürfen nicht mit Wildbienen verwechselt werden. Die Ursachen für den Rückgang vieler Wildbestäuber sind andere und wesentlich komplexer. Mehr Honigbienenvölker sind deshalb auch nicht automatisch mehr Naturschutz.
Trotzdem übernehmen die von Imkern gehaltenen Honigbienenvölker eine erhebliche Bestäubungsleistung in Landwirtschaft, Obstbau und Landschaft. Vor allem aber sind Honigbienen in Mitteleuropa Nutztiere. Ihre flächendeckende Haltung existiert nicht unabhängig vom Menschen. Hinter jedem Bienenvolk steht jemand, der Schwarmkontrollen macht, Futter kauft, Varroa behandelt, Krankheiten erkennt, Waben erneuert und versucht, das Volk gesund durch den Winter zu bringen.
Deshalb sollten wir bei der Zukunft der Bienenhaltung nicht nur fragen, wie es den Bienen geht. Wir sollten auch fragen, unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, weiterhin Bienen zu halten. Die größte Gefahr für die Imkerei muss am Ende vielleicht gar nicht ein einzelner neuer Parasit sein. Problematisch könnte vielmehr die Summe werden: mehr Aufwand, höhere Kosten, schwierigere Vermarktung, häufigere Wetterextreme, bekannte Parasiten und neue Schädlinge.
Noch ist die Imkerei in Deutschland breit aufgestellt. Aber gerade weil sie zu einem so großen Teil von Menschen getragen wird, die ihre Bienen in ihrer Freizeit halten, sollten wir diese Struktur nicht für selbstverständlich halten. Denn Bienenvölker halten sich bei uns nicht von allein. Es braucht Menschen, die bereit sind, sich um sie zu kümmern.
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